Glosse – Mit den unendeckten Ronaldinhos in der Kneipe

Also meistens verfolge ich die Bundesligaspiele von zu Hause aus. Doch als ich letztens dann doch mal in eine Kneipe ging, blieb mir vor Verwunderung über die so kompetenten Beiträge der vier grauhaarigen Männern, die mit Bäuchen- dick wie drei Fußbälle und Bierglas in der Hand am Tisch neben mir saßen.

Über das ganze Spiel hört man Ausrufe wie „Man, man, man – warum schießt er den denn nicht links oben rein?“, „Also ich wäre da einfach mal an den vier Verteidigern vorbei und hätte dann dem Torwart durch die Hosenträger geschossen“ oder „Ja, den hätte ich wohl auch reingemacht“.

Selber haben sie vermutlich noch nie aufm Platz gestanden, doch den 50 Meterschuss aus der Drehung hätten sie wohl so hart und präzise geschossen, dass der Profitorwart den wohl niemals gehalten hätte. Bei der Fehlersuche für die Niederlagen gegen Barcelona und Manchester United haben sie auch schnell den Schuldigen gefunden, weil dieser ja Schuld daran sei, dass der Spielmacher sich verletzt hat und das Team nicht stark genug für die besten Teams der Welt ist.

Im Laufe des Spiels bemerken die schlauen Herren, dass ja eigentlich der ganze Verein schlecht strukturiert ist. Ist ja auch logisch! Wenn man in der Liga nur an zweiten Stelle, punktgleich mit dem Tabellenführer, steht, dann deutet das echt darauf hin dass es im Team nicht stimmt.

In der 85. Minute sind die Rentner schon mit ihren Überlegungen soweit, dass sie einen totalen Umbruch fordern, weil das Team 1:0 zurück liegt.

„Der Manager ist zu unerfahren, der Trainer kann sich nicht durchsetzen, und der Torwart kann ja sowieso nichts“. Dass die Mannschaft das Spiel in den letzten zwei Minuten noch dreht, spielt schon kurz danach keine Rolle mehr, denn: „Es kann nicht angehen, dass man erst in Rückstand gerät“. Der vorlauteste von der Senioren-Café-Gruppe hat damit natürlich vollkommen Recht.

Ich hab genug gehört für diesen Tag. Während ich die Kneipe verlasse, denke ich nur: „Schade, dass diese Männer nicht im Verein spielen. Wären sie wirklich genauso gut wie sie es mit ihren Kommentaren preisgaben, hätten wir heute vier Ronaldinhos mehr“

Markus Ortwein, Kleve, Johanna-Sebus-Gymnasium